Wenn Knochen brüchig werden

Dr.med. Andres Bircher
1885 beschrieb der Innsbrucker Pathologe Gustav Adolf Pommer erstmals eine Krankheit mit löchrigen, porösen Knochen und nannte sie Osteoporose. Die äusseren, harten Schichten der Knochen bleiben dabei erhalten.

Betroffen ist die Spongiosa, der Innenaufbau der Knochen mit seiner Bälkchenstruktur, die so aufgebaut ist, dass sie, wie die tragenden Rippen gotischer Kirchengewölbe, mit minimalem Material und Gewicht, höchste Stabilität gewährleistet. Bei der Osteoporose verringern sich die Knochenbälkchen (Trabekel), bis nur noch wenige, plumpe da sind. Dadurch verlieren die Knochen ihre Stabilität und kommt es, auch ohne jegliches Trauma, zu spontanen Knochenbrüchen.

Sind wir gesund, so baut das lebendige Bindegewebe die proteinhaltige Struktur der Bälkchen auf und passt ihre Form laufend den täglichen Belastungen an, durch anbauende (Osteoblasten) und abbauende Zellen (Osteoklasten). Es ist ganz wichtig, zu verstehen, dass die Osteoporose nicht ein Kalkmangel ist, sondern eine Erkrankung des zarten, bindegewebigen Knochengerüstes, das nicht mehr in der Lage ist, die Trabekelstruktur korrekt aufzubauen und Calcium einzulagern.

1962 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation eine Empfehlung, dass Kinder und Frauen und ältere Menschen viel mehr Milchprodukte essen sollen. Seither hat sich nicht nur die Osteoporose zu einer eigentlichen Volkskrankheit ausgebreitet, sondern auch die Arteriosklerose. Inzwischen haben epidemiologische Studien aufgezeigt, dass in Gegenden, wo die Menschen besonders viel Milch, Käse, und Joghurt konsumieren und dort, wo viel Fleisch gegessen wird, die Osteoporose viel stärker verbreitet ist, als dort, wo man sich vegetabil ernährt. In mehreren multizentrischen Studien wurde gezeigt, dass Calciumpräparate gegen Osteoporose, ein Milliardengeschäft der Pharmaindustrie, unwirksam sind, während Vitamin D-Präparate wirkten. Wurde das Vitamin D durch Sonnenbestrahlung erzeugt, so war die Wirkung auf die Knochen aber wesentlich besser. Darum nimmt man an, dass das Sonnenlicht auf noch andere Weise auf die Knochen wirkt, die nicht erforscht sind. Im Gegensatz zu Calcium wirkt die Einnahme von Magnesium leicht positiv auf den Knochenstoffwechsel. Durch szintigraphische Untersuchungen wurde denn auch nachgewiesen, dass radioaktiv markiertes Calcium aus der Milch schlecht aufgenommen wird, im Vergleich zu Calcium aus Gemüse.

Die Basis der Knochenmasse wird im Jugendalter aufgebaut. In der Menopause verlieren die Frauen rund ¼ davon.  Dies ist keine Krankheit, sondern eine natürliche, durch die hormonelle Umstellung bedingte Anpassung für das dritte Lebensalter. Vegetarierinnen verlieren durchschnittlich 27% ihrer Knochenmasse und Omnivorinnen (Frauen, die auch Fleisch essen) 45%. Frauen von zarter, hellhäutiger Konstitution bauen in ihrer Jugend etwas weniger Knochen auf, so dass sie bei einem Masseverlust von 45% oft unter die kritische Grenze gelangen, und ihre Knochen so porös werden, dass es beim älter werden zu einem Schenkelhals-, Oberarm-, Vorderarm- oder Beckenbruch kommen kann. Durch Wirbeleinbrüche entsteht dann meist auch ein schmerzhafter Rundrücken, eine gebückte Haltung und grosses Leid.

In Afrika sind Knochenbrüche durch eine Osteoporose eine Seltenheit, in Europa und den USA stehen sie auf der Liste der 10 wichtigsten Volkskrankheiten. Solche Unterschiede bestehen auch zu anderen ärmeren Gegenden und sind durch mehr Sonnenlicht, Bewegung und eine einfache, vegetabile Ernährung erklärbar. Genau wie die anderen «Zivilisationskrankheiten» entsteht die Osteoporose als Erkrankung des zarten Bindegewebes der Knochenbälkchen, durch Einlagerung von degenerativen Eiweissen (Amyloiden) und anderen Stoffwechselschlacken in die Zwischenzellsubstanz des zarten Bindegewebes der Knochenmatrix. Dies geschieht durch die heute allgemein verbreitete, mangelnde Lebensordnung und Fehlernährung mit viel Fleisch, Käse, Milchprodukten, Weissmehl, Zucker, Kaffee, Alkohol und anderen Reizmitteln. Nicht die Calciummenge der Nahrung, sondern die Bioverfügbarkeit des Calciums und die Gesundheit der bindegewebigen Feinstruktur der Knochenbälkchen sind für den Calciumgehalt der Knochen entscheidend. Tägliche, mässige körperliche Anstrengung, Bewegung, Wandern und häufiger Aufenthalt im Freien fördert den Aufbau gesunder, kräftiger Knochen.

Eine Vollwerternährung mit hohem Anteil an lebendiger, vegetabiler Frischkost, Verzicht auf phosphathaltige Colagetränke, Zucker, Alkohol und andere Reizmittel verhindert die Übersäuerung des Stoffwechsels, oxydativen Stress und die Verschlackung der Zwischenzellsubstanz mit sinnlos zugeführten Nahrungsstoffen und Toxinen. So baut die Knochenmatrix bis ins hohe Alter gesunde, kräftige Knochen auf und entsteht keine Osteoporose: Ein Weg, der sich lohnt.

Tipp:
Hüten Sie sich vor einer Osteoporosetherapie mit Bisphosphonaten. Sie erzeugt viele, zum Teil gefährliche Nebenwirkungen. Die Wirkungsnachweise der Hersteller sind mangelhaft. In einer grossen Studie der Universität Lausanne wurde inzwischen nachgewiesen, dass die Therapie mit Bisphosphonaten die Knochenbrüchigkeit nicht vermindert, sondern deutlich erhöht.

Handbuch 10

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