Arztbeziehung im Wandel

Dr.med. Andres Bircher
Mit „Sub Rosa dictum“ verpflichteten sich die Römer durch eine Rose zur Verschwiegenheit. Die erste Spur ärztlicher Ethik finden wir im Eid des Hippokrates (460-370 v. Chr.), im Gelöbnis dieses genialen griechischen Arztes und seiner Schüler der Heilstätte Kos.

Auch die Ärzte der Römerzeit und der Renaissance gelobten mit diesem Eid, immer nur zum Nutzen ihrer Patienten zu handeln und auf keinen Fall ihnen zu schaden oder gar in irgend einer Form Sterbehilfe zu leisten oder ein ungeborenes Kind umzubringen, auch nicht durch irgend eine Beihilfe. Dieses Gelöbnis enthält auch die Verpflichtung zu strikter sexueller Enthaltsamkeit gegenüber den Patienten und ihren Angehörigen und die Verpflichtung zu schweigen über all das, was der Arzt über seine Patienten oder deren Angehörige erfährt.

In Kapitel 125 des altägyptischen „Totenbuches“ finden wir unter 9 Geboten bereits: „Du sollst nicht töten.“ Von  Ramses III über Moses wurde dieses Gebot zur Basis jüdisch-christlicher Ethik.

Und wo stehen wir heute? Von der 150‘000 jährigen Stammesgeschichte des Homo sapiens brauchte der Mensch 147‘000 Jahre, um zu lernen, dass er Mitmenschen nicht töten soll. Wie steht es heute mit der passiven und aktiven Euthanasie und damit, als Chefärzte „Sterbehelfer“ von  „Exit“  in die Universitätsklinik Lausanne riefen? Und wie mit dem legalisierten Schwangerschaftsabbruch?  Gewiss, der zufällig schwanger gewordenen Frau, und für die immense Not und Verzweiflung schmerzleidender Menschen schulden wir grosses Verständnis und Mitgefühl.

Im September 1948, unter dem Schock der Gräueltaten der Naziärzte wurde der Eid des Hippokrates plötzlich wieder ernst genommen und als „Genfer Deklaration des Weltärztebundes“ in ein modernes Gelöbnis umgewandelt. Er enthält alle Elemente des hippokratischen Eides und schliesst mit den Worten: „Ich werde jedem Menschenleben von seinem Beginn an Ehrfurcht entgegenbringen…“  Doch erfahren dies unsere Medizinstudenten nicht.

Die Verantwortung des Arztes in seiner Beziehung zum Patienten ist gross und vielschichtig. Wissen und Kompetenz werden vorausgesetzt, aber auch Bescheidenheit, wenn es darum geht, einen kompetenteren Kollegen bei zu

ziehen. Der Arzt muss den Behandlungsauftrag mit seinem Patienten klären: die Erwartung des Patienten an seine Behandlung. Durch den Vorsprung an Wissen und Können des Arztes gerät der Patient in Abhängigkeit, denn nicht alles, was ihm gesagt wird, kann er selbst überprüfen. Ganz wichtig ist die Klärung der Frage der Verantwortung des  Patienten für seine Erkrankung und seine Genesung. Sie behält ihn mündig und schützt ihn vor gefährlicher Abhängigkeit.

Die erste Aufgabe des Arztes ist es, seinem Patienten so lang vorurteilslos und genau zuzuhören, bis er alles mitgeteilt hat, was er zu sagen hat. Dabei darf er nicht mit Fragen ihn beeinflussen, sondern er muss in die Tiefe lenken, zu Gefühlen und Empfindungen seines Wesens und seiner Krankheit, bis hin zu den seelischen Ursachen und dafür sorgen, dass diese bewusst werden.

Im Rahmen der Sozialversicherungen ist dies nicht möglich.

Vertrauen darf nicht erwartet, es muss erworben werden. Das Vertrauen ist ein grosses Geschenk des Patienten, das sein Arzt mit grossem Respekt als stilles Geheimnis hütet. Mit Vertrauen wächst Verantwortung.

Der Arzt muss sich stets bewusst bleiben, dass seine Gefühle während des Zuhörens diejenigen seines  Patienten sind, die er mit hoher Sensibilität und Empathie wahrnimmt. Bircher-Benner nannte dieses Phänomen Induktion, Sigmund Freud „Übertragung“. Fehlt dem Arzt die Schulung durch eine eigene Lehranalyse bis zum Bewusstsein über dieses Phänomen, so kann er „fremd“ und „eigen“ nicht immer unterscheiden. Dadurch kommt es zu Reaktionen und Antworten an den Patienten auf Grund eigener Erfahrungen und Probleme, die dem Patienten völlig fremd sind und die riskieren Schaden zuzufügen  („Gegenübertragung“).

Arzt zu sein ist eine komplexe, vornehme Aufgabe, die viel Selbsterfahrung, Kenntnis und Bescheidenheit erfordert. Der gemeinsame Weg mit dem Patienten zur Erkenntnis der wahren Krankheitsursachen und zur Heilung ist für  beide eine faszinierende Aufgabe, ein Weg, der sich lohnt.

Tipp:
Literaturrecherchen und Arzneimittelstudien sind heute im Internet für alle zugänglich und oft Ursache unnötiger Ängste. Lesen Sie diese ruhig, aber Besprechen Sie sie mit Ihrem Arzt. Holen Sie, wenn Sie sich nicht entscheiden können, eine Zweitmeinung ein. Dies akzeptiert Ihr Arzt ohne Weiteres.

Ordnungsgesetze | Vom Werden des neuen Arztes

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