Wandern für die Gesundheit

Dr.med. Andres Bircher
Im Jahr 1336 bestieg der Dichter Francesco Petrarca mit seinem Bruder den 1900 m hohen Mont Ventoux  in den Provencealpen. Am 26. April 1336 schrieb er an den Frühhumanisten Dionigi die Borgo San Sepolcro in Latein: „Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfliessenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.“

Heute gilt diese Besteigung als erste Wanderung der Geschichte. Doch schon immer reisten Händler, Handwerksburschen, Komödianten, Troubadours, Boten und Söldner zu Fuss durch weite Länder, nicht zum Vergnügen, aus Notwendigkeit. Im 18. Jahrhundert weckten Dichter und Philosophen der Aufklärungszeit die Neugierde des wohlhabenden Bürgertums. Man wollte das Leben armer Leute kennen lernen und Positives tun. In der Romantik des 19. Jahrhunderts suchte man die Einsamkeit wilder Landschaften, beschrieb sie in Gedichten und malte sie, durchflutet von Sonnenstrahlen. Das Vergnügungswandern des Bürgertums war Mode geworden und ergriff allmählich auch die einfachen Leute. Man gründete Gruppen: die „Naturfreunde“ , die „Wandervögel“, erstellte Wanderwege  und Wanderkarten und baute Hütten, wo jeder sich das Übernachten leisten konnte. So blieb das vergnügliche Wandern bis heute lebendig, als Bergwandern, Sportwandern, Winterwandern, Volkswandern, Pilgerwandern, Wallfahren, Nordic Walking und Trecking (Fernwandern).

Im 19. Jahrhundert wurde die Bedeutung des Wanderns für die Gesundheit entdeckt. Noch immer gehört tägliches Wandern zum Programm der Badekurorte (Terrainkur). Die heilende und krankheitsverhütende Wirkung des Wanderns wurde inzwischen in vielen wissenschaftlichen Studien belegt. Ruhiges, entspanntes, regelmässiges, massvolles Gehen in leicht kühler Kleidung hat die stärkste positive Wirkung auf die Gesundheit. Über die gleichmässigen, rhythmischen Bewegungen reguliert und kräftigt es die Funktion aller Organe.

Wandern reduziert das Risiko eines Herzinfarktes oder einer  Alzheimerdemenz  um die Hälfte. Es verhindert Fettleibigkeit, reguliert den Stoffwechsel und die Verdauung, verhütet das metabolische Syndrom mit Bluthochdruck und Zuckerkrankheit. Es beugt der Osteoporose vor, kräftigt Knochen, Bänder, Sehnen, und Gelenke. Es stärkt und moduliert das Immunsystem, vermindert die Anfälligkeit für Infekte und Krebs. Das rhythmische, entspannte Vorwärtsschreiten in frischer Luft wirkt gegen Lungenkrankheiten, vergrössert das Atemzugsvolumen und die Atemkapazität und kräftigt die allgemeine Konstitution. Das Wandern hebt die Stimmung, wirkt gegen Depression. Es erhöht den Serotoninspiegel. Die Teilnehmer  verschiedener, grosser Studien fühlten sich durch das Wandern körperlich entspannter, seelisch ausgeglichener und geistig wacher. Rekonvaleszente Patienten erholten sich deutlich schneller von schweren Krankheiten, von Krebs, Bestrahlungen und Chemotherapie.

In grossen Studien mit hoher Teilnehmerzahl wurde nachgewiesen, dass nur gerade das entspannte, ruhige Wandern diese positive Wirkung zeigt, während leistungsorientiertes Wandern, grosse sportliche Anstrengungen und Spitzensport sich negativ auf die Gesundheit auswirkten. Die grösste heilende und krankheitsverhütende Wirkung hatte das tägliche, entspannte Wandern von über einer Stunde. Bei diesen Resultaten darf man aber auch nicht vergessen, dass Menschen, die regelmässig wandern in der Regel auch sonst gesundheitsbewusster leben und sich gesünder ernähren.

Noch immer unterschätzt die Ärzteschaft die Bedeutung regelmässigen Wanderns, gesunder Ernährung und genügenden Schlafs. Wandern ist ein wichtiger Pfeiler der Gesundheitsvorsorge. Es gehört in den Plan gesunder Lebensweise, eines Lebensstils, der sich lohnt.

Tipp:
Wenn Sie sich um 9 Uhr zu Bett legen, schafft dies Zeit und Raum für frühes Aufstehen, für eine stündige Wanderung frühmorgens in der Frische der erwachenden Natur. Beim Morgenspaziergang klären sich die Gedanken, ordnet sich der Tagesplan, wendet sich die Stimmung, hin zu neuem Mut und positivem Denken.

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