Die Wechseljahre

Dr.med. Andres Bircher
Jede zehnte Frau ist in den Wechseljahren (Klimakterium).

70% der Frauen zwischen 45 und 55 Jahren leiden unter unregelmässigen, oft schmerzhaften und zu starken Blutungen, Hitzewallungen, Schweissausbrüchen, Schlafstörungen, Stimmungslabilität, Gereiztheit, Ängsten, Weinerlichkeit, Angespanntheit, Nervosität, Erröten, Erblassen, Zugluftempfindlichkeit, Spannungskopfschmerzen, Migräne,  Schwindelgefühlen, allerlei Missempfindungen, Herzklopfen oder Herzjagen, Libidoverlust, schmerzhaftem Geschlechtsverkehr, Gelenk- oder Muskelschmerzen, trockenen Schleimhäuten, Erschöpfung, übermässigem Appetit mit Gewichtszunahme, Konzentrationsstörungen, Interesselosigkeit, Antriebslosigkeit bis hin zur Lethargie.

Hinzu kommt oft, dass die pubertierenden Kinder sie arg und unfair kritisieren und den grossen Einsatz, die ganze Aufopferung der Mutter für das Wohl der Familie in Frage stellen, oder das Haus verlassen.

Das Klimakterium greift tief in das innerste Wesen hinein. Viele fühlen sich „aus der Bahn geworfen“ und stellen alle bisherigen Werte in Frage, ganz besonders den eigenen Wert.  „Wozu bin ich noch da, was soll mein Leben, wie soll das weiter gehen. Mein Mann sieht hübsche, junge Frauen. Ich bin jetzt alt und zähle meine Runzeln, bin unattraktiv, unansehnlich geworden, kein Arbeitgeber wird mich wollen und überhaupt, was soll es.“

Nun zählt die Einstellung zum Alter. 1/3 der Frauen werden „in Würde“ alt, akzeptieren die körperlichen Veränderungen und leben gesundheitsbewusst. Ein weiteres Drittel über 50 ignoriert jedoch das Altwerden und macht sich wenig Gedanken zu den Wechseljahren. Ein letztes Drittel quält eine ausgesprochene Furcht vor Krankheit und körperlichem Zerfall. Sie erleben das Alter als Bedrohung und greifen oft zur Hormontherapie, um das Ganze hinaus zu schieben. So wird das Klimakterium zu einem psychosozialen Problem. Die Gesellschaft frönt dem Kult der Jugend. Auf fast jedem Werbebild sieht man eine  lächelnde, hübsche, junge Frau. Sie zeigt uns an, wie einst die gut gelaunte Mutter, dass  die Welt in Ordnung sei. Wo bleibt das Symbol der lieblichen, gealterten Grossmutter, aus deren Augen Güte, Weisheit und Verständnis strahlt, deren gutmütiges, faltiges Gesicht von Erfahrung und Nachsicht zeugt. Noch steht ein ganzes Drittel des Lebens bevor, ein Leben voller Chancen, neuer Freiheit und nie zuvor gehabten Möglichkeiten. Wem es gelingt, sich selbst von allen vermeintlichen gesellschaftlichen Zwängen zu lösen und zu eigenen, unabhängigen Gedanken zu finden, braucht keine Hormonersatztherapie. Es gibt nichts interessanteres, schöneres,  als ein vom Leben gezeichnetes Antlitz, in welchem die ganze Persönlichkeit zu lesen ist, die Persönlichkeit eines Menschen, der zu innerem Frieden, zu sich selbst gefunden hat.

Freilich, die Symptome der Wechseljahre sind da. Sie können aber auch sehr stark gemildert werden, auf ganz natürliche Art. Hitzewallungen und die Stimmung können durch eine Zeit veganer, rohkostreicher Ernährung ohne Kaffee und Alkohol stark gelindert werden. Zitrusfrüchte, Buchweizenprossen, Sojabohnen und -sprossen enthalten Phytoöstrogene mit sanfter Östrogenwirkung. Lignane sind weit verbreitete Phytoöstrogene.  Man findet sie in der Aleuronschicht (Aussenschicht) des vollen Weizenkorns und in hoher Konzentration in Weizenkleie, nicht aber im Auszugsmehl. Leinsamen enthalten 100 mal mehr Lignane als Weizen. Abnehmend sind Lignane zudem in Vollkronmehl von Buchweizen, Roggen, Hafer, Weizen und in Sojamehl vorhanden und im Mais 200 mal weniger als in Leinsamen. Phytoöstrogene mindern nicht nur die Symptome des Klimakteriums, Sie binden sich an den Östrogenrezeptor der Zellkerne und schützen vor Krebs, besonders vor östrogenabhängigen Tumoren wie Brust-, Eierstock- und Gebärmutterhalskrebs, ganz im Gegensatz zur Hormonersatztherapie, welche das Krebsrisiko deutlich erhöht.  Naturheilmittel wie Schlangenwurz (Cimicifuga racemosa), Salbei (Salvia), Herzgespann (Leonurus cardiaca), weiblicher Ginseng (Angelica sinensis). Frauenmantel (Alchemilla) und bei Unruhe und Schlafstörung Passiflora, Baldrian, Hopfen, Melisse u.a. sind sehr hilfreich. Melatonin soll nur in Ausnahmefällen unter ärztlicher Kontrolle genommen werden. Auch die Homöopathie und die Neuraltherapie können in der Hand des erfahrenen Arztes von sehr grosser Hilfe sein.

Die Wechseljahre stellen uns vor die Aufgabe, das ganz eigene, innere Wesen zu erkennen und anzunehmen, eine Aufgabe, die zu lösen sich lohnt.

Tipp:
Nehmen Sie sich zwei Tage Zeit, ganz für sich allein. Bei Kerzenlicht notieren Sie sich alles, was Ihnen gelungen ist, dann alles, was missraten ist, dann das Allerwichtigste für ihr Leben, dann alles, worauf Sie verzichten können und zuletzt, wie Ihre Leben in 10 Jahren sein soll.

Handbuch 4 | Ordnungsgesetze

Zurück