Von Träumen und Tagträumen

Dr. med. Andres Bircher
In der Antike verstand man den Traum als göttliche Botschaft. Tempeldienerinnen deuteten aus ihnen die Zukunft. Dies fand in Vorhersagenden Träumen der Bibel ihren Niederschlag.

Von der Kirche untersagt, lebte diese antike Wahrsagerei in Traum-, Punktier- und Losbüchern weiter, bis ins frühe 18. Jahrhundert und verursachte scheusslichste Hexenprozesse. Dann fanden Philosophen erste Ansätze zu einem psychologischen Traumverständnis.  Eine erste Wissenschaft der Traumdeutung begründeten Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. Die Psychoanalyse stellte die Traumdeutung in den Dienst der Selbsterkenntnis. Diesen historischen Weg von aussen nach innen muss man nachvollziehen, wenn man zu seinen Träumen und zu sich selbst finden will. Stets muss man dessen  bewusst sein, dass sämtliche Bilder, Personen, Handlungen, Gefühle und Erlebnisse der Träume nichts anderes sind als wir selbst. Träume sind Erzeugnisse unserer eigenen Innenwelt, Produkte unsrer selbst.

Im Wachzustand setzt unser Geist eine strenge Zäsur gegen Inhalte unserer Innenwelt und verdrängt alles Unpassende ins Unbewusste.  Im Schlaf sind andere, entwicklungsgeschichtlich tiefere Hirnareale aktiv, so besonders die Brücke (Pons), der Hippocampus, das limbische System, Teile der Stirn- und Schläfenlappen und das visuelle System. Während der Traumphasen sind diese Areale in intensiver Wechselwirkung zueinander aktiviert, während andere Regionen weitgehend ausgeschaltet sind. Statt der schnellen Alphawellen, deren Frequenzmuster denjenigen des Sonnenlichtes entspricht, erscheinen im Enzephalogramm im Schlaf langsame Deltawellen.

Non - Rem - Phasen sind Zeiten, tiefen, erholsamen Schlafs mit nur ganz wenig Träumen. Sie erscheinen vor allem im Vormitternachtsschlaf. Nach Mitternacht und gegen den Morgen hin überwiegen unruhige REM-Phasen (rapid eye-mouvement) mit intensivem Traumerleben. Dabei sind unsere Bewegungsmuskeln teilweise gelähmt, damit wir nicht Nachtwandeln, während Herz-, Zwerchfell- und Augenmuskeln aktiv sind.

Beim Träumen ist die geistige Kontrolle stark vermindert, so dass die immense Vielfallt unserer unbewussten Seele sich äussern kann, in einer Sprache assoziativ aneinandergereihter „Filmgeschichten“. Im Traum sind die Notion der Zeit und jegliche physikalischen Gesetze aufgehoben. In mehr oder minder schneller Folge jagen sich bekannte oder fremde Personen, Situationen, Tiere, Fratzen, Gespenster, Triebregungen und Stimmungsbilder, gerade so, wie dies im Augenblick unserer inneren Gefühlswelt entspricht. So offenbart sich im Traum das unbewusste Sein unserem Bewusstsein.

Traumatische Erlebnisse, zum Beispiel Kriegserlebnisse der Vorfahren, werden an die Nachkommen vererbt, wenn der Schaden nicht vorher geheilt wird. So geschieht es, dass Kleinkinder von Soldaten und Panzern träumen, von denen sie niemals gehört haben, von Hexen und von Sauriern in Form von Drachen. Die Kette unserer Ahnen reicht über Jahrmillionen in die Vergangenheit zurück. In den Tiefen unserer unbewussten Seele, in unserem Erbgut, hat sich ihr Leben niedergeschlagen, so auch ihre Symbolwelt.

Viele Menschen sind so lange von irrealen, triebhaften und gewalttätig-grausamen Filmen, Geschichten oder Geschehnissen fasziniert, als ihnen nicht bewusst ist, dass sie in ihrer Faszination den unbewussten „Dreck“ ihres eigenen Innenlebens finden, die finsteren Seiten der Geschichten unserer Vorfahren. Dies zu erkennen ist der wichtigste Schritt zur Menschlichkeit, denn dieses neue Bewusstsein über eigene finstere Seiten macht uns erst möglich, solche Gefühlsregungen zur Ruhe zu bringen und unser Denken und Handeln zu kontrollieren.

Träume haben den Sinn der Erkenntnis unseres Innenlebens, den Sinn uns zu zeigen, wo unsere Triebneigungen, Bedürfnisse und Ängste liegen, wo die Verzerrungen unserer Wahrnehmung sind, die so lange heimlich unser Leben steuern, als wir sie nicht erkannt haben.  Träume deuten heisst das tiefste Gefühl das Traumes bewusst wahrzunehmen, nämliche dasjenige, das ihn hervorgebracht hat. So zeigen uns die Träume den Weg zu äusserer und innerer Wahrheit, den goldenen Weg zu immer klarerem Bewusstsein über die Welt und über uns selbst, ein Weg, der sich lohnt.

Tipp:
Erlauben Sie sich am Tag zu träumen, wann immer Ihre Aufmerksamkeit nicht gefordert ist. Tagträume sind das Kinderspiel des Erwachsenen, ein Quell intuitiven Ideenreichtums und kreativer Phantasie. In wunderbarer Weise ergänzen die Tagträume das Träumen der Nacht und dienen der Erkenntnis unsrer selbst.

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