Wenn der Nacken uns quält

Dr. med. Andres Bircher
Die Halswirbelsäule ist ganz fein gebaut, die Wirbel mit kleinsten Gelenken aufeinandergesetzt. Und doch trägt sie den schweren Kopf, der in alle Richtungen sich wendet.

Die Wirbel sind durch zähe Bänder zusammengehalten, welche die Beweglichkeit klar begrenzen müssen. Das oberste Gelenk zwischen Atlas und Hinterhaupt erlaubt Nickbewegungen, das Zweitoberste weitläufige Drehbewegungen. Damit dies möglich ist, ragt als Drehachse aus dem zweiten Wirbel  ein knöcherner“ Zahn“ in den Atlasbogen hinauf, der durch zähe Bänder in dessen Mitte, d.h. in die Drehachse gehalten wird. Dieser Aufbau aus Knochen und Bändern ist jedoch instabil. Nur durch den symmetrischen Zug der tiefen und oberflächlichen Stränge der Nackenmuskulatur werden Symmetrie und Ordnung aufrechterhalten.

Die Halswirbelsäule reagiert immer als Ganzes. Kleinste Störungen des subtilen Gleichgewichts der Muskelspannungen stören die Symmetrie und die Haltung jedes Segmentes in den Facettengelenken und drängen den „Zahn“ des Drehers (Dens axis) aus der Mitte des Atlasbogens hinaus, so dass der Atlas verschoben sich einstellt.

Kein Wunder, dass dieses System anfällig ist. Etwa 2% der Bevölkerung leiden täglich an Spannungskopfschmerzen, „epidemisch“ wenn kürzer oder „chronisch“ wenn an mehr als 180 Tagen pro Jahr. Die Nervensegmente der Halswirbelsäule sind mit mehreren Hirnnerven verbunden. Sie sind Schaltstellen des Neurovegetativums der Ohren-Nasen Halsorgane, der Tonsillen und der Zähne, geben Nervenverbindungen zum limbischen System, zum Herzen und zum Zwerchfell ab und von den obersten zwei Segmenten gehen sensible Nervenfasern hin zum Innenohr und zum Labyrinth. So wird verständlich, dass Menschen mit schmerzhaften Verspannungen im Nacken nicht nur an Kopfschmerzen, sondern zudem oft an Schwindel, Tinnitus, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Depressionen leiden. Die schwerste Form des Spannungskopfschmerzes entsteht durch ein Schleudertrauma. Danach leidet man, zum chronischen Spannungskopfschmerz hinzu, an der ganzen Palette neurovegetativer Probleme: Störungen des Denkens, des Antriebs, Schwindel, Erschöpfbarkeit und Melancholie. Viele Betroffene werden zudem durch Vorurteile naiver Leute gekränkt. Nach Schleudertraumen vermögen die überzerrten Bänder der Halswirbelsäule keinen Halt mehr zu geben und dies wird durch reflektorischen Muskelhartspann kompensiert.

Oft werden gegen Spannungskopfschmerzen Medikamente verschrieben: Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Ibuprofen, Naproxen, Metamizol oder Kombinationen. Sie nützen nicht viel und haben ein gefährliches  Nebenwirkungspotential. Dagegen zeigt die Chiropraktik oder Manualtherapie oft günstige Resultate, doch ja nicht nach Schleudertraumen. Da bringt jegliche Manipulation nur Verschlechterung, da damit die Bänder noch mehr überdehnt werden. Medizinische Massagen, Osteopathie, Cranio-Sakraltherapie und die Akupunktur sind in der Hand erfahrener Therapeuten hilfreich. Am wirksamsten ist jedoch die Neuraltherapie: Durch ganz fein geführte Injektionen des Lokalanästhetikums Procain an die Halswirbelgelenke und die Reflexzonen des Hinterhaupts regenerieren sich die überzerrten Bänder und die krampfhafte Fehlstellung lässt nach.

Bei jeglicher Art von Schmerzen sind Stress und ein kranker, übersäuerter Stoffwechsel  entscheidende Ursachen. Durch ein ungeordnetes Leben, seelische Belastungen oder Arbeitsstress, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, eine Ernährung mit viel Fleisch, Milchprodukten, Weissmehlspeisen, Zucker, Kaffee, Alkohol und industriell verkünstelten Produkten aktiviert die Stresshormonachse und facht die Produktion von Entzündungsmediatoren wie Interleukine, Interferon und Tumornekrosefaktoren an. So entsteht eine allgemeine Entzündungs- und Schmerzbereitschaft, bis hin zur generalisierten Fibromyalgie. Durch neue Lebensordnung, einen geordneten Lebensrhythmus, tägliche längere Spaziergänge, lebendige Nahrung mit viel vegetabiler Frischkost und den Verzicht auf alle Reizmittel, verschwinden die Spannungskopfschmerzen in aller Regel bereits ohne jegliche weitere Therapie; ein Vorgehen, das sich lohnt.

Tipp:
Die „Kaffeepause“: Enthalten Sie sich während 4 Wochen des Kaffees, Alkohols. Zuckers, Käse, Schokolade und aller anderen Reizmittel. Nach ersten Entzugsreaktionen werden Sie sehen, dass Ihre Kopfschmerzen und manch andere langjährige Beschwerden sich rasch bessern werden, oder gar verschwunden sind.

Handbuch 4 | Handbuch 10

Zurück