Wenn Zecken uns plagen

Dr.med. Andres Bircher
Am Waldrand, im Dickicht, in hohen Wiesen lauern sie auf, erahnen die Wärme nahender Menschen und Tiere und lassen sich auf freie Hautstellen nieder. Dann ritzen sie mit ihren Kieferklauen eine Wunde und stossen ihren Stachel (Hypostom) in sie hinein.

Ihr Speichel  hemmt die Blutgerinnung, betäubt die Nerven damit wir nichts merken, hemmt unsere Immunabwehr und verankert ihre Mundwerkzeuge mit einem Klebstoff, so dass sie in Ruhe Blut saugen kann. Dabei spuckt sie laufend unverdauliche Nahrungsreste in ihr Opfer zurück und Krankheitserreger, die sie bei ihrem vorherigen Opfer in sich aufgenommen hat.

So sind die Zecken Überträger vieler, zum Teil schwerer Krankheiten wie  Rickettsiose, Babesiose, humane granulozytäre Anaplasmose, monozytäre Ehrlichiose, Rocky-Mountains-Fleckfieber, Fièvre boutonneuse, Fleck- und Q-Fieber und etwa 50 weiterer Infektionskrankheiten bei Mensch und Tier. In Mitteleuropa bekannt ist die virale Frühsommer Meningoenzephalitis (FSME) und die Borreliose, durch Übertragung des Bakteriums Borrelia Burgdorferi. Die Ansteckung an Lyme-Borreliose ist in ganz Deutschland, im mittleren und östlichen Österreich und im schweizerischen Mittelland möglich, wo Zecken zu 30% infiziert sind und uns auch in städtischen Gärten auflauern. So ist es nötig, besonders nach Spaziergängen in der Nähe von Waldgebüsch, Sträuchern und hohen Wiesen abends die Haut nach Zecken abzusuchen, und aufgefundene Zecken bei Mensch und Tier unverzüglich zu entfernen, denn mit zunehmender Dauer des Blutsaugens der Zecke nimmt das Infektionsrisiko zu. Hierzu empfiehlt sich, dieses Tier mit einer feinen Pinzette oder einer Fadenschlinge am Kopf zu fassen, ohne zu quetschen, es mit einer langsamen, drehenden Bewegung zu entfernen und sicher zu entsorgen. Die Bissstelle muss sofort desinfiziert werden. Dabei lohnt es sich, diese mit einer sauberen Messerspitze etwas aufzukratzen, um Kopf- und Speichelreste zu entfernen und noch einmal zu desinfizieren. Zur Verhütung des Zeckenbefalls bedeckt man exponierte Stellen mit Kleidung. Erkennt man in den folgenden 5 bis 29 Tagen Hautrötungen um die Bissstelle oder anderswo, die sich langsam ausbreiten, so gehen Sie zu Ihrem Hausarzt, denn die Wanderröte (Erythema migrans) ist ein Frühsymptom der Lyme-Borreliose. In der nördlichen Hemisphäre ist sie die häufigste zeckenübertragene Krankheit. In Deutschland tritt, je nach Gebiet, nach 0,3-1,4% der Zeckenbisse eine Lyme-Borreliose auf, allerdings zu 50% ohne Erythema migrans. An Borreliose erkrankt in Deutschland jeder Tausendste. Das Erythema migrans kann still erscheinen oder von Fieber, Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl und Abgeschlagenheit begleitet sein. Gefürchtet ist das zweite Stadium der Lyme-Borreliose, das Stadium der Streuung der Bakterien in den ganzen Körper, besonders in Gelenke, Muskeln, Herz und das Nervensystem. Dies zeigt sich durch wandernde Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen, Herzklopfen (Herzentzündung) und Nervenlähmungen, besonders an Gesichtsnerven (Facialisparese), sowie Störungen des Tastsinns und des Sehens. Gefürchtet ist bereits in der Frühphase, wo noch keine Antikörper nachweisbar sind, die so genannte Neuro-Borreliose, ein vielfältiger Befall peripherer Nerven und zu 10% des Gehirns oder Rückenmarks. Darum ist bei jedem deutlichen Verdacht auf eine Lyme-Borreliose eine sofortige antibiotische Therapie angezeigt. Bei unerkannter oder unbehandelter Krankheit riskiert man das dritte Stadium, indem die Krankheit oft jahrelang periodisch aufflackert, mit Befall des Herzens, des Nervensystems, Befall von Sinnesorganen oder der Gelenke. Obschon in internationalen IDSA-Leitlinien festgelegt, ist die Therapie dieses Spätstadiums schwierig und umstritten.

Von Mai bis September jeden Jahres fürchtet man zudem die Zeckenübertragung der Frühsommer Meningoenzephalitis (FSME). Sie kommt nur in gewissen Regionen des europäischen Festlandes, bis hin nach Ostasien vor. In Deutschland sind jährlich zwischen 150 und 450, in der Schweiz etwa 100 Personen betroffen. 3 bis 28 Tage nach einem Zeckenbiss entsteht eine Art Sommergrippe mit Fieber, Glieder-, Kopfschmerzen und Erkältungssymptomen.  Dabei leiden 5% der Erkrankten an gutartiger Hirnhautentzündung, weitere 5% jedoch an einer zusätzlichen Infektion des Gehirns. Nach Abklingen der Hirnentzündung bleiben zu 3-11% Beschwerden, wie Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, chronische Kopfschmerzen. Bleibende Lähmungen sind selten, doch führt der Hirnbefall bei ca. jedem 70. Kranken zum Tode. Über die Risikogebiete herrscht Uneinigkeit. Verlässlich ist einzig das epidemiologische Bulletin 15/2007 (www.rki.de). Leider sind die Impfstoffe gegen dieses Virus nicht ungefährlich. Von 2001-2010 gingen dem Paul Ehrlich Institut 1661 Nebenwirkungsmeldungen ein, darunter schwere neurologische Erkrankungen, Lähmungen, Ertaubung, multiple Sklerose und insgesamt 10 Impftodesfälle. 1/3 aller Meldungen betrafen Kinder. Auch können FSME-Impfstoffe schwere allergische Reaktionen auslösen und Autoimmunkrankheiten begünstigen. Wissenschaftlich ist das Verhältnis von Nutzen und Risiko dieser Impfung keineswegs geklärt. Aber die Verhütung, Schutzmassnahmen und ein richtiger Umgang mit Zeckenbissen sind möglich. Ein Vorgehen, das sich lohnt.

Tipp:
Insekten meiden ätherische Öle. Lavendelessenz weist ab und das Beträufeln des Zeckenkopfes mit Thymian- oder Teebaumessenz erleichtert eine sichere Entfernung des Zeckenkopfs. Auch gibt es zeckenabweisende Sprays im Handel.

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